Na, alles klar sag ich da ... soweit zur Meinungsfreihiet und Demokratie in diesem freiesten und demokratischten Land der Welt, "gods own country" mit der ja ach so langen Tradition der Unterdrückung und Verlogenheit (gedenke da nur an Jello Biafra, der beinahe SFO-Bürgermeister wurde und mal für 2 Jahre im Knast verschwand - wegen eines Plattencovers das der Schweizer Künstler Gieger gestaltete):SZ v. 22.07.2002 / Adrian Kreye
Krieg den Raves
In den USA soll eine Gesetzeseingabe eine ganze Subkultur kriminalisieren.
Amerikanische Abgeordnete haben die alberne Angewohnheit, ihren Gesetzespaketen umständliche Titel zu geben, deren Abkürzungen wiederum prägnante Begriffe ergeben. Dieser Usus hat den Vorteil, dass sie ihren Vorschlägen einen Markennamen verpassen, der keine Fragen offen lässt. So nannte sich das umfangreiche Gesetzespaket zur inneren Sicherheit nach den Anschlägen vom 11. September in der Abkürzung „USA Patriot Act“. Damit stellten die Verfasser klar, dass sie Kritik an diesem Gesetz als moralischen Landesverrat betrachten.
Eine Gesetzeseingabe, die kurz vor ihrer Ratifizierung durch den amerikanischen Senat steht, nennt sich langatmig „The Reducing Americans’ Vulnerability to Ecstasy Act of 2002“, kurz: „Rave Act“. Damit machen die Autoren der Eingabe um den Senator Joe Biden aus Delaware deutlich, dass es hier nicht nur darum geht, Designerdrogen wie Ecstasy, Special K oder Rohypnol zu verfolgen, sondern gleich die gesamte Subkultur der Raves. Denn die existiert ihrer Meinung nach ausschließlich dazu, dass die Veranstalter von Raves „davon profitieren, junge Leben ausnutzen und zu gefährden“.
Recht drollig lesen sich die Beschreibungen der Ravekultur in der Sektion „Feststellungen“. Da definieren die Senatoren Raves als „nächtelange, alkoholfreie Tanzparties, die typischerweise von lauter, hämmernder Tanzmusik gekennzeichnet werden“. Weitere Merkmale der Designerdrogenkultur seien der Verkauf von Wasserflaschen, Leuchtstäbchen, Massageölen und Schnullern, „die dazu benutzt werden, gegen das unfreiwillige Zähneknirschen anzugehen, das allgemein mit dem Konsum von Ecstasy assoziiert wird“ sowie die Einrichtung so genannter „Chillout-Räume“.
Der Duktus erinnert an die unbeholfenen Versuche aus den fünfziger und sechziger Jahren, mit Hilfe von reißerischen Aufklärungsfilmen wie „Reefer Madness“ vor den Gefahren des Marihuanakonsums zu warnen. Für die Bürgerrechtsanwälte der American Civil Liberties Union ACLU bedeutet der Rave Act nicht weniger als einen Angriff auf den geheiligten ersten Verfassungszusatz, der nicht nur die Meinungsfreiheit garantiert, sondern auch die „Freedom of Expression“, also die Freiheit, sich in jeder nur erdenklichen Form auszudrücken und zu verwirklichen.
Technisch gesehen ergänzt der Rave Act das so genannte Crack-House-Gesetz von 1986. Es besagt, dass sich nicht nur die Hersteller und Händler von Drogen strafbar machen, sondern auch diejenigen, die ihnen einen Ort zur Verfügung stellen. Im Falle des Rave Acts würde die Veranstaltung einer Party, bei der Drogen verkauft werden, mit Gefängnisstrafen bis zu 20 Jahren sowie Geldbußen von bis zu 750000 Dollar geahndet werden.
„Es wird Zeit, dass die amerikanische Öffentlichkeit begreift, dass Raves keine Horte hemmungslosen Drogenkonsums sind, wie die Regierung behauptet, sondern eine etablierte Form von Jugendkultur“, sagte Graham Boyd, Direktor des Drug Policy Litigation Projects. „Betreiber von Clubs strafrechtlich dafür verantwortlich zu machen, was einige wenige bei ihren Veranstaltungen tun, ist genauso unsinnig, als würde man Stadionbesitzer oder Konzertagenten nach einem Rolling-Stones-Konzert verhaften, weil dort Marihuana geraucht wurde.“ Und Douglas Rushkoff, Professor für Medienkultur an der New York University, warnte: „In einer Zeit, in der die meisten authentischen Ausdrucksformen von Jugendkulturen von Medienkonzernen vermarktet werden, ist die Ravekultur eine der wenigen unkorrumpierten Nischen.“
Doch Jugendkulturen waren der amerikanischen Gesellschaft schon suspekt, als Halbstarke in den fünfziger Jahren mit ihren frisierten Autos volltrunken die nächtlichen Dorfstraßen hinunterdonnerten und dazu Elvis Presley hörten. Was als Generationenkonflikt begann, entwickelte sich zum Kulturkampf. Denn Jugend- und Subkulturen stellten schon bald die Grundsätze der amerikanischen Gesellschaft in Frage.
1965 beschrieb Tom Wolfe in seiner Reportage „The Pump House Gang“ mit den Surfern im kalifornischen Badeort La Jolla die ersten Formen einer Subkultur, die den Akt des Aussteigens als Lebensentwurf akzeptierte. Dazu gehörte aber nicht nur die Verweigerung gesellschaftlicher Normen, sondern auch der spirituelle Ausstieg mit Hilfe von Drogen. Die gesellschaftlichen Umwälzung der späten sechziger Jahre bestätigten dann die schlimmsten Befürchtungen der Konservativen.
Die Wurzeln dieses Argwohns finden sich aber schon in den Einwanderervierteln des frühen 20. Jahrhunderts. Dort waren die Subkulturen anfänglich oft Sprungbretter für ehrgeizige Kriminelle, die keine Geduld hatten, darauf zu warten, bis die amerikanische Gesellschaft den Einwanderergruppen auch wirklich eine Chance auf den amerikanischen Traum gab. So betrieben die Tongs der chinesischen Gastarbeiter um die Jahrhundertwende neben dem Rauschgifthandel auch Bordelle und Spielhöllen. Illegale Geschäfte die später die Mobs der jüdischen, die Mafia-Familien der italienischen und erst kürzlich die Bruderschaften der russischen Einwanderer übernahmen. Doch genauso, wie sich die Einwanderergruppen über die Generationen hinweg letztendlich doch in den Mainstream Amerikas integrierten, wurden auch die Subkulturen zum allgemeinen Kulturgut. So besuchte der einstige Rebell Elvis Presley am 21. Dezember 1970 Präsident Nixon im Weißen Haus und bot ihm seine Dienste als „Federal Agent at Large“ des Bureau of Narcotics and Dangerous Drugs an.
Seltsamerweise war es der amerikanische Kongress, der die Ravekultur letztes Jahr zum offiziellen Kulturgut erklärte. Anlässlich des 300-jährigen Stadtjubiläums von Detroit gratulierte die Abgeordnete Carolyn Kilpatrick Detroit und seinen Bewohnern dazu, bei der Entwicklung von Techno eine entscheidende Rolle gespielt zu haben. Der Glückwunsch scheint vergessen: Im Februar initiierten gleich 67 Kongressabgeordnete eine Gesetzeseingabe, die noch weiter geht als der Rave Act des Senats. Demnach sollen Veranstalter nicht nur dafür verantwortlich gemacht werden, wenn sie wussten, wenn auf ihrem Rave Drogen konsumiert werden, sondern wenn sie es „nach den Regeln der Vernunft hätten wissen müssen“. Der etwas ungelenke Titel dieses Gesetzes: „The Clean, Learn, Educate, Abolish, Neutralize and Undermine Production of Methamphetamines Act“.
Kurz: Clean Up.